aus der neuen ZivilCourage Nr. 2 | 2026
Warum wir vor Roadshows der Bundeswehr und der
Eventisierung des Tötens warnen
Was zunächst harmlos klingt, ist Teil einer strategischen
Offensive: Mit „KA.R.L.“ bringt die Bundeswehr ihre Karri-
ereberatung direkt in die Innenstädte. Hinter der Abkür-
zung verbirgt sich „Karriereberatung, Roadshow und
Lounge“: ein Format, das bewusst neue Zielgruppen errei-
chen soll, insbesondere junge Menschen.
Die Idee ist klar: Militär soll nicht mehr fern, sondern all-
täglich wirken. Nicht mehr Kaserne, sondern Einkaufszo-
ne. Nicht mehr Befehlston, sondern Lounge-Atmosphäre.
Militär als Event
In Braunschweig wurde dieses Konzept im März 2026
praktisch umgesetzt. Über mehr als zwei Wochen hinweg
präsentierte sich die Bundeswehr mitten in der Stadt mit
großem Kriegsgerät, Containern, Beratungsgesprächen
und sportlichen Challenges.
Panzer, Patriot-Systeme und Einsatzfahrzeuge wurden aus-
gestellt. Gleichzeitig gab es Fitnessangebote, Snacks und
Gespräche über Karriereoptionen. Das Ziel: eine niedrig-
schwellige, scheinbar harmlose Ansprache.
Doch genau darin liegt das Problem. Krieg wird nicht als
Gewaltverhältnis sichtbar gemacht, sondern als Erlebnis.
Töten und Sterben verschwinden hinter Eventcharakter,
Technikfaszination und Karriereversprechen.
Gezielte Ansprache junger Menschen
Die Bundeswehr spricht mit KA.R.L. gezielt junge Men-
schen an, auch über Kooperationen mit Schulen, Jobcen-
tern und sogar Fitnessstudios.
Diese Strategie ist kein Zufall. Angesichts wachsender Re-
krutierungsprobleme sucht die Bundeswehr neue Wege,
um Nachwuchs zu gewinnen. Dabei werden bewusst Räu-
me genutzt, in denen junge Menschen sich ohnehin auf-
halten.
Die Grenze zwischen Information und Werbung wird da-
bei zunehmend unscharf. Besonders kritisch ist, dass auch
Minderjährige angesprochen werden, oft ohne ausrei-
chende Einordnung oder kritische Gegenperspektiven.
Widerstand vor Ort: Braunschweig
In Braunschweig blieb das nicht unwidersprochen.
Über den gesamten Zeitraum hinweg organisierten AktivistInnen Mahnwachen,
Aktionen und eine Demonstration. Ihr Ziel war es, ein Gegengewicht zur
Bundeswehr-Inszenierung zu schaffen und über Kriegsdienstverweigerung aufzuklären.
Die Aktionen zeigten Wirkung. Viele Passantinnen such-
ten das Gespräch, äußerten Zweifel oder nahmen Infor-
mationsmaterial mit. Besonders deutlich wurde: Die Bun-
deswehr-Show löst Emotionen aus, von Angst über Wut bis
hin zu technischer Begeisterung.
Gerade diese Emotionalisierung ist Teil des Problems. Mi-
litärische Präsenz im öffentlichen Raum normalisiert Krieg
und verschiebt gesellschaftliche Wahrnehmungen.
Eventisierung des Tötens
K.A.R.L. steht exemplarisch für eine Entwicklung, die wir
als „Eventisierung des Tötens“ bezeichnen.
Krieg wird entpolitisiert und ästhetisiert. Militärische Ge-
walt erscheint als normaler Beruf unter vielen. Doch Soldat
sein bedeutet nicht einfach „ein Job wie jeder andere“. Es
bedeutet, Teil eines Systems zu sein, das im Ernstfall Ge-
walt ausübt und Leben zerstört.
Wenn diese Realität hinter Werbekampagnen verschwin-
det, wird eine kritische gesellschaftliche Debatte er-
schwert.
Warum wir widersprechen müssen
Die Erfahrungen aus Braunschweig zeigen: Protest wirkt.
Sichtbarkeit schafft Räume für Diskussion. Und es gibt ein
großes Bedürfnis nach Gegenpositionen.
Gleichzeitig wird deutlich, dass solche Aktionen gut vorbe-
reitet sein müssen. Die kurzfristige Planung der Bundes-
wehr erschwert Widerstand, dennoch gelang es vor Ort,
ein breites Bündnis aufzubauen und generationenüber-
greifend zusammenzuarbeiten.
Für die Zukunft heißt das: frühzeitig informieren, lokale
Netzwerke stärken und gezielt Gegenöffentlichkeit schaf-
fen.
Fazit
KA.R.L. ist mehr als eine Roadshow. Es ist ein Baustein ei-
ner umfassenden Militarisierung des Alltags.
Wenn Militärpräsenz zur Normalität wird, verschiebt sich
auch unser Verständnis von Sicherheit. Statt auf Diploma-
tie, soziale Gerechtigkeit und zivile Konfliktlösungen zu
setzen, rückt militärische Logik in den Mittelpunkt.
Deshalb gilt: Vorsicht vor KA.R.L.
Und vor allem: Widerspruch ist notwendig – auf der Stra-
ße, in Schulen und in der Öffentlichkeit.
Die kommenden „Tourtermine“ von KA.R.L.:
Leer: 09.06. – 20.06.
Flensburg: 23.06. – 10.07.
Kiel: 25.08. – 12.09.
Lübeck: 15.09. – 02.10. Die Lübecker Gruppe der DFG-VK plant Aktionen- bittet meldet euch für Unterstützung !
Wolfenbüttel: 06.10. – 10.10.
Yannick Kiesel



